Thursday, August 11. 2011Die „China Study“ und die Unkritischen
Jonathan Safran Foers Buch Tiere essen wurde von den Medien bald nach Erscheinen zur „Bibel der Vegetarier“ erklärt. Der Vergleich passt auf unfreiwillige Weise, denn das bedeutet: Es ist ein Buch, das weitgehend ungelesen ins Regal gestellt wird und in dem man, wenn man es denn einmal liest, Aussagen findet, die den Behauptungen darüber widersprechen. So wie die Bibel als „Buch der Liebe“ deklariert wird, obwohl sie voller Gewaltverherrlichung steckt, tritt Foer nicht (einmal) für Vegetarismus ein, sondern nur für die Reduzierung des Fleischkonsums.
Nun steht das nächste Buch, das zu einer „Bibel“ wird, in der Reihe. Es handelt sich um Campbells China Study. T. Colin Campbell und sein Sohn haben über mehrere Jahre in China Daten zum Ernährungsverhalten der dortigen Bevölkerung und ihren Gesundheitszustand gesammelt, um daraus Rückschlüsse auf die gesündeste Ernährungsweise ziehen zu können. Dieses Buch wird nun mit einer erstaunlichen Reflexhaftigkeit – ohne dass die meisten der Adepten einen Blick hineingeworfen hätten – in bestimmten Kreisen zum fünften Evangelium erklärt. Andererseits nimmt es auch nicht wunder, betrachtet man diese Kreise näher. Es ist vordergründig die Esoterik-Fraktion unter den Veganern – Homöopathie, „Impfkritik“, Ernährungslehren und das Modewort „Ganzheitlichkeit“ sind nur einige ihrer Merkmale. Passend dazu ist die deutsche Übersetzung im verlag systemische medizin erschienen, der hauptsächlich Esoterik-Literatur vertreibt. Auch die deutsche Aktionsseite zum Buch (diechinastudy.de) weist ähnlich geartete Links auf. ![]() Das „gute Buch“? Dabei wäre von jedem zu erwarten, dass er imstande ist, Aussagen kritisch zu lesen. Es ist zudem nicht schwierig, fachliche Kritik zu finden, wenn man meint, das eigene Fachwissen reiche nicht für eine kritische Beurteilung. Natürlich ist nicht jede Kritik an Campbell fraglos berechtigt. Sie stammt auch aus ähnlich vorurteilsbehafteten und vor Ideologie blinden Personen und Organisationen, von denen die Weston A. Price Foundation nur die bekannteste ist (sie propagiert, möglichst viele unverarbeitete Tierprodukte zu essen). Doch gibt es auch glaubwürdige Kritiker wie auf sciencebasedmedicine.org oder in privaten Blogs, die trotz aller inhaltlichen Kritik Campbells Untersuchung als wichtigen Beitrag zur Diskussion würdigen. Sie weisen jedoch auf einige grundsätzliche Probleme hin, die alle zur Kenntnis nehmen sollten, die meinen, Campbell wäre die Antwort auf die letzten Fragen. Statistiken und Korrelationen Ein Grundproblem liegt in Campbells Herangehensweise. Wie er selbst sagt,1 sammelte er die vielen Daten nicht, um mit ihrer Hilfe Schlussfolgerungen zu ziehen, sondern um seine Theorien, die für ihn bereits feststanden, zu beweisen – eine wissenschaftlich unredliche Vorgehensweise. Aufgrund dieser Haltung musste er nur unter den 8 000 statistisch signifikanten Korrelationen, die sich aus den Rohdaten ergeben haben, die geeigneten zusammenzusuchen. Nur heißt eine Korrelation zu finden nicht, die Ursache identifiziert zu haben. So finden sich nicht nur positive Korrelationen zwischen dem Konsum von Tierprodukten und Krebs, sondern auch zwischen dem Konsum von Weizenprotein und Krebs und zwischen grünem Gemüse und Herzkrankheiten. Dieser Herangehensweise entspricht ebenfalls sein Umgang mit Statistiken, der es Kritikern oft einfach macht. So die Statistik über Brustkrebs, in der es einen „Ausreißer“ gibt, also einen Wert, der sehr stark von den anderen abweicht. Solche Werte werden normalerweise ausgeschlossen, weil sie, wie hier der Fall, sonst das Ergebnis verzerren können. Ließe man ihn weg, wäre die Korrelation zwischen Brustkrebs und dem Konsum von Tierprotein kaum höher als die zwischen Brustkrebs und Pflanzenölen. Neben diesen statistischen Fragwürdigkeiten, argumentiert er stark monokausal. Ursachen für Krebs gibt es viele (nicht nur Cholesterin). Verantwortlich können auch gemacht werden: der Blutzuckerspiegel, stark verarbeitete Weizenprodukte, Bierkonsum oder Faktoren außerhalb der Ernährung wie die Beschäftigung in der Industrie statt in der Landwirtschaft oder Verwaltung. Campbell selbst behauptet, Reduktionismus sei eine häufige Fehlerquelle. Dennoch benutzt er Cholesterin nicht weniger reduktionistisch als eindeutige Krankheitsursache. Zur Monokausalität gehört ebenfalls, dass Ergebnisse von Untersuchungen an Kasein auf alle Tierproteine übertagen werden, obwohl sich andere Tierproteine biochemisch auch anders verhalten. Manche Fakten werden erst gar nicht erwähnt. So zum Beispiel, dass China die weltweit höchste Magenkrebsrate hat, was nicht so recht zum Vorbild passt, zudem es gemacht werden soll. Das leidige Thema Abgesehen vom Thema Tierproteine ist besonders beachtenswert, welche Aussagen er zum Thema Veganismus (wenn man es so nennen will) macht. Seine Aussagen zu Vitamin B12 passen leider in die Reihe seines oftmals unfundierten und wenig durchdachten Umgangs mit Quellen. Angeblich würden Pflanzen B12 problemlos aus dem Boden aufnehmen, solange es „gesunder Boden“ ist, kein „lebloser“ (S. 232; hier wie im Folgenden zitiert nach der englischen Ausgabe). Gemeint ist mit diesen Begriffen die Biolandwirtschaft. Damit ist das Thema im Buch für ihn beendet. Jedoch zeigt die Quelle, auf die er seine Behauptung stützt,2 dass es einige Probleme mit der Umsetzung gäbe. Das eine Problem: Die geteste Methode der B12-Anreicherung ist „bio“, aber nicht vegan, denn der „Bio-Dünger“, der das B12 enthält und mit dem die Tests gemacht wurden, ist Tierdünger. Theoretisch ist auch die Ausbringung von B12 selbst möglich; nur fragt sich, inwiefern das dann noch als bio zu bezeichnen ist, da es sich schließlich um einen äußerst „unnatürlichen“ Vorgang handelt. Abgesehen von der Ineffizienz, B12 auf die Felder zu schütten anstatt Nahrungsmitteln direkt damit anzureichern. Das andere Problem: Die Menge B12 in den Pflanzen reicht bei weitem nicht für eine gesicherte Versorgung. Der höchste Wert, der bei den Tests erreicht wurde, liegt bei knapp 18 Nanogramm je Gramm Trockengewicht Spinat. Für die Tagesdosis von zehn Mikrogramm B12 müsste man also Spinat in einer Menge von ca. 550 Gramm Trockengewicht oder zwischen anderthalb und zwei Kilo Normalgewicht konsumieren. Und das täglich. Entsprechend fahrlässig ist es, dass Campbell von Supplementierung abrät. Außer wenn man seit mehr als drei Jahren keine Tierprodukte isst, schwanger ist oder stillt, dann sollte man „gelegentlich kleine B12-Supplemente nehmen“ oder jährlich seinen B-Vitamin- und Homocystein-Spiegel überprüfen lassen. Nur sind „gelegentlich kleine Mengen“ zu wenig (zu den richtigen Mengen und richtigen zeitlichen Abständen siehe hier) und Testen zu lassen ist unsinnig. Es ist deutlich teurer als Supplemente zu kaufen und kann durch fehlerhafte Ergebnisse in falscher Sicherheit wiegen. Campbell für Veganismus? Sowohl von den Befürwortern als auch von einigen Gegnern des Buches wurden Campbells Ernährungsempfehlungen auf den Begriff „Veganismus“ gebracht; der Untertitle der zweiten Auflage lautet nun „Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise“. Allen diesen ist entweder nicht bekannt, was Veganismus ist, sie haben das Buch nicht gelesen, nicht verstanden oder die Widersprüche, die sich finden, sind ihnen schlicht egal. Ich überspringe den offensichtlichen Fehler, dass Veganismus keine Ernährungsweise ist, sondern auch Nicht-Ernährungsbereiche umfasst, und komme zur entscheidenden Stelle (S. 242, 244): Mein Ratschlag ist zu versuchen, alle Tierprodukte aus der eigenen Ernährung zu streichen, es aber nicht zu übertreiben. Wenn eine schmackhafte Gemüsesuppe mit Hühnerbrühe gemacht ist oder wenn ein herzhafter Laib Brot eine kleine Menge Ei enthält, machen Sie sich keine Gedanken. [ ] Diese Mengen sind höchstwahrscheinlich ernährungstechnisch vernachlässigbar. Wobei er die erste Anweisung – möglichst alle Tierprodukte zu vermeiden – auch so ausdrückt, dass man den Tierproduktkonsum auf „10–0%“ (S. 242) reduzieren solle. Ernährungstechnisch hat er recht, es ist vernachlässigbar. Aber ernährungsethisch nicht: Alles außer null Prozent ist eindeutig keine vegane Ernährung. Zudem gilt „Fisch“ zu den nicht zu vermeidenden, sondern nur zu reduzierenden Nahrungsmitteln (S. 243). Ähnlich wie Foer und andere plädiert er also nur für eine (wenn auch tlw. starke) Reduzierung des Tierproduktkonsums, nicht aber für Veganismus. Fazit Bei diesem Buch wie auch bei allen anderen ist wie immer eines zu raten: kritisch lesen. Nicht irgendwelchen Organisationen nach dem Mund reden, erst recht nicht solchen, die auf Öffentlichkeitswirksamkeit und Spenden ausgerichtet sind. Denn deren kritisches Hinterfragen endet bei dem Ausstellen von Spendenquittungen. Wirklich nötiger gewesen wäre ein Buch, das nachweist, dass vegane Ernährung tatsächlich unproblematisch ist und wieso. Langleys Vegane Ernährung ist veraltet und und Leitzmanns & Kellers Vegetarische Ernährung zu sehr auf Vegetarismus konzentriert. Campbells Buch ist dagegen weitgehend unnötig. Dass übermäßiger Tierproduktkonsum gesundheitsschädlich ist, wird von niemandem ernsthaft bestritten. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt den Fleischkonsum zu halbieren. Eine gänzliche Vermeidung von Tierprodukten kann man gesundheitlich hingegen nicht begründen. Das ist kein Argument gegen den Veganismus, da man es auch nicht muss. Veganismus ist ethisch motiviert – und ethisch ist es möglich, die gänzliche Vermeidung zu begründen. Was den gesundheitlichen Aspekt betrifft, ist Veganismus unbedenklich und deutlich gesünder im Vergleich zur gegenwärtigen Durchschnitts-Ernährung. Mehr braucht es nicht. Alles andere kann als kaum haltbare Übertreibung abgetan werden und schadet der Argumentation für Veganismus – und vor allem ihrer Glaubwürdigkeit. __________________
1 Siehe http://www.campbellcoalition.org/?page_id=203 [08.08.2011]. 2 A. Mozafar: Enrichment of some b-vitamins in plants with application of organic fertilizers, in: Plant and Soil 167 (1994), 305–11. Foto Cover: keyvive.com. Foto Statistik: rawfoodsos.com/2010/08/06/final-china-study-response-html/. Saturday, May 28. 2011Methoden der Veganismusgegner
Es gibt einen antiwissenschaftlichen Affekt im Umgang mit Veganismus. Allen voran von den Medien, haben sie sich doch Teile von ihnen noch nie für Fakten interessiert, sondern für Schlagworte und Spekulationen. Aber auch einzelne Wissenschaftler zeigen, dass sie diesem Niveau in nichts nachstehen. Schuld sind aber ebenso einige verantwortungslose Personen unter den Veganern, die Ernährungslehren anhängen und Veganismus dadurch in Verruf bringen.
Veganer Kinderfriedhof bisher leer Die Diskrepanz zwischen medialer Berichterstattung und Realität wird deutlich an all den verhungerten veganen Kinder, deren genaue Zahl Null beträgt. Angelastet wurden dem Veganismus jedoch mehrere Fälle: ein Kind von Rohkost-Eltern; eines, das an einer Lugenentzündung starb; und eines, das Eier konsumierte, was nicht wirklich vegan ist. Aber das bisschen Recherche war vielen Vertretern der Presse zu viel. Statt sich über die Fakten zu informierten, produzierten sie lieber Überschriften wie "Kinder sollten nicht vegan leben" (Neue Westfälische, 10.07.2004), "Veganer-Eltern ließen Baby verhungern" (Kölnische Rundschau, 09.07.2004), "Kleinkind von Veganern verhungert" (Berliner Morgenpost, 10.07.2004) usw. Dass die kritische Überprüfung von Fakten (hier: waren diese Kinder überhaupt vegan) zum journalistischen Alltagsgeschäft gehöre, scheint diesen Schreibern nicht mehr vertraut zu sein. Journalisten korrigieren Wissenschaftler Noch abwegiger (aber nicht wesentlich seltener) wrid es, wenn Journalisten nicht 'vegessen' zu recherchieren, sondern nicht einmal lesen können (oder wollen), worauf sie sich beziehen. Vor zwei Jahren wurde eine Studie veröffentlicht, die den Kalziumhaushalt und die Knochendichte von Veganern untersuchen wollte.1 Zwar gab es hier den bereits methodischen Fehler, dies an buddhistischen Nonnen zu ermitteln, sodass die Ergebnisse nicht auf Veganern übertragbar sind, die unter wesentlich besseren Ernährungsbedingungen leben, aber das Ergebnis war ohnehin ein positives. Denn es wird festgehalten, dass trotz niedrigerer Kalziumaufnahme "Veganismus keine nachteiligen Folgen für die Knochenmineraldichte hat und die Körperzusammensetzung nicht ändert". In einer Pressemitteilung dazu sagt einer der Autoren: Für die 5% der Menschen in westlichen Ländern, die Vegetarier sind, ist das eine sehr gute Neuigkeit. Sogar Veganer, die nur pflanzliche Nahrung essen, zeigen, dass die so gesunde Knochen haben wie jeder sonst.2 Nun möchte man meinen, "Veganer haben so gesunde Knochen wie jeder sonst" sei eindeutig. Aber die Journalisten wissen es besser als die Autoren der Studien. Denn sie haben das Detail herausgegriffen, dass die Knochendichte bei den Veganern um 6% geringer war. Das ist richtig, nur ist es eine so kleine Abweichung, dass sie von den Autoren als nicht-signifikant bewertet wurde. Die Agence-France-Presse schreibt dennoch: "Vegetarische Ernährung schwächt die Knochen" und die deutsche Variante bei n-tv trägt die Überschrift: "Veganer mit schwachen Knochen". Das setzt sich auch in Online-Magazinen fort wie bei opposingviews.com mit "Vegetarische Ernährung führt zu niedrigerer Knochendichte". Es gab auch Medien, die den Sachverhalt richtig dargestellt haben. Aber die eben genannten Beispiele, unter anderem von einer großen Presseagentur, zeigen erneut, dass manche Journalisten gerne die wesentlichen Fakten ignorieren, wenn die unwesentlichen "besser" sind. Erhöhtes Infarktriskio? So wundert es nicht, dass vor einigen Wochen eine weitere Studie von den Medien zurechtgerückt wurde. Duo Li hat lediglich bestätigt, was nicht neu ist: dass Veganer niedrigere Vitamin-B12-Werte hätten (wenn sie nicht supplementieren würden) und niedrigere Werte bei Omega-3-Fettsäuren.3 Auch nicht neu war, dass sich diese beiden Faktoren nachteilig auf Gefäße und Herz auswirken könnten. Erneut werden einige Frage aufgeworfen, wenn man die Studie kritisch betrachtet. So befasst sie sich eigentlich mit Vegetariern und ist deshalb nur bedingt auf Veganer anzuwenden. Bei einer der vier Studien, die Li zum Omega-3-Status anführt, wurden keine Veganer berücksichtigt, sondern nur Vegetarier.4 Bei einer weiteren5 zitiert er ihr Ergebnis nur teilweise, wohingegen die Autoren der Studie zu dem Schluss gekommen sind, dass "die endogene [körpereigene] Produktion von EPA und DHA [zwei der drei Omega-3-Fettsäuren] niedrige aber stabile Plasmakonzentrationen" gewährleistet. In der dritten Studie wurden lediglich 18 vegane Versuchspersonen einbezogen (gegenüber 121 Nichtveganern),6 was schwerlich repräsentativ ist, und die vierte Studie widerspricht der eben zitierten zweiten.7 Aber lassen wir dies beiseite und sehen uns an, zu welcher Schlussfolgerung Li gekommen ist. Ich zitiere aus der Zusammenfassung: Omnivoren haben ein signifikant größeres Bündel von kardiovaskulären Risikofaktoren verglichen mit Vegetariern, einschließlich höherem BMI, höherem Taille-Hüft-Verhältnis, höherem Blutdruck, höherer Cholsterinblutkonzentration, höheren Triacylgycerol- und LDL-C-Werte, höherer Lipoprotein(a)-Konzentration, höherer Plasma-Faktor-VII-Aktivität, höherem TC/HDL-C-Verhältnis, höheren LDL-C/HDL-C-, sowie TAG/HDL-C- und Serum-Ferritin-Werten. Ohne das im Einzelnen näher zu erklären, reicht es zu wissen, dass das alles nicht gut ist. Und was sagt er nun zu Vegetariern (bzw. Veganern) wegen ihrer vermutlich geringeren Omega-3-Aufnahme? Ebenfalls aus der Zusammenfassung: Es wird vorschlagen, dass Vegetarier, besonders Veganer, über ihre Nahrungsaufnahme mehr Omega-3-Fettsäuren und Vitamin B12 einnehmen. B12 wird vernünftigerweise ohnehin supplementiert und Omega-3-Fettsäuren finden sich in z.B. Walnüssen, Sojaprodukten, Rapsöl, Leinenöl, Hanfsamen und Hanföl. Das Ergebnis lautet mit anderen Worten: Omnivoren haben ein, wie er schreibt, Bündel von Risikofaktoren und Veganer sollten darauf achten, öfter bestimmte Pflanzenöle zu konsumieren. Aber daraus lässt sich aber nichts machen, weiß die Presse. Also greift sie zur gleichen Methode wie bei der Kalzium-Studie: ein Detail wird herausgegriffen und aufgebauscht. Das klingt dann etwa so: "Haben Veganer ein schwaches Herz?" (experto.de) und "Vegane Ernährung schlecht fürs Herz?" (diabetes-ratgeber.net) lauten zwei suggestive Fragen, deren Antwort Ja sein soll. Reißerisch wird es bei der SZ mit "Auf zu viel verzichtet", die warnt, dass der "totale Verzicht auf tierische Produkte gefährlich werden" kann. Lediglich die dpa-Meldung "Veganer müssen vorbeugen" erwähnt überhaupt die oben zitierten Zeilen zu den Risiken bei einer omnivoren Ernährung, die immerhin in der vorangestellten und online problemlos auffindbaren Zusammenfassung der Studie stehen (und nochmals am Ende), nicht versteckt in irgendeiner Fußnote. Die anderen drei Artikel halten den Hinweis darauf, dass Li lediglich auf einen möglichen Nachteil des Veganismus hingewiesen hat, aber Unveganismus stark kritisierte, für nicht erwähnenswert. Zu dumm, um richtig zu lesen oder nur unwillig? Veganer sind Veganer Auf der Seite der Wissenschaftler (oder Autoren, die einen Anspruch in diese Richtung haben) sieht es beim Umgang mit Fakten manchmal nicht viel besser aus als bei der schreibenden Zunft. Eine der Voraussetzung für das wissenschaftliche Arbeiten ist Exaktheit. Einem Chemiker kann es nicht egal sein, ob seine Probe verunreinigt ist, da die Resultate ansonsten unbrauchbar sind. Und bei allen fängt die Exaktheit bereits bei den Begriffen an. Ein Ethnologe, der Indianer erforschen will und zu den Indern fährt, würde sich lächerlich machen. Fast normal erscheint es schon, verschiedene Ernährungsweisen zu mischen, vor allem wenn dies im Diente des antiveganen Ressentiments geschieht. Besonders beliebt ist es, Makrobiotiker, Rohköstler und ähnliche zu Veganern zu machen. Entweder von den Wissenschaftlern selbst oder von anderen Autoren, die sich auf Studien beziehen. Wahrscheinlich glauben einige, dass das irgendwie dasselbe sei. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Rianne Baatenburg de Jong et al. veröffentlichten 2005 einen Artikel im European Journal of Pediatrics unter dem Titel: "Schwerer ernährungsbedingter Vitaminmangel bei einem gestillten Kind einer veganen Mutter."8 Bereits in der Zusammenfassung stellt sich dann heraus, dass es sich bei der Mutter nicht um eine Veganerin, sondern um eine Makrobiotikerin gehandelt. Die antivegane Autorin Lierre Keith, die keine Wissenschaftlerin ist, sich aber auf Studien zu beziehen meint, behauptet: "[I]n einer Studie hatten 28% der veganen Kinder Rachitis im Sommer und 55% im Winter."9 Der Titel der Studie, wenn man ihn dann nachschlägt: "Die starke Verbreitung von Rachitis bei Kindern der makrobiotischen Ernährung."10 An einer anderen Stelle zitiert sie selbst unverholen einen Satz mit dem Begriff "makrobiotische Kinder", woraus unschwer ersichtlich ist, dass es sich um Makrobiotiker, nicht um Veganer handelt, obwohl sie hier Veganer kritisiert.11 Entweder hat sie keine Ahnung, dann ist es schlechte Recherche. Oder es ist gezielte Irreführung. Denn Makrobiotik (oder eine andere Ernährungslehre) ist weder dasselbe wie Veganismus, noch so ähnlich, dass man vom einen auf das andere schließen könnte. Lassen wir zuerst den Fehler beiseite, dass Veganismus keine Ernährungsform ist, weshalb Studien, die sich nur auf die Ernährung beziehen, von Veganköstlern sprechen müssten. Dann kommen wir zur Feststellung, dass Anhänger der dieser Ernährungslehren sich nicht einmal vegan ernähren. Anhänger der ayurvedischen Ernährung konsumieren in allen drei Varianten (Vata, Pitta und Kapha) Tiermilchprodukte und in zweien Bienenhonig (Vata und Kapha). Makrobiotiker konsumieren Fische, teilweise gesäuerte Tiermilchprodukte und (nach der Acuff-Variante) Eier. Rohköstler konsumieren rohe Produkte, das können auch rohe Tierprodukte wie rohe Hühnereier, rohe Tiermilch oder rohes Fleisch sein. Und Anhänger der Anthroposophie dürfen ohnehin alle Tierprodukte konsumieren.12 Dem aufmerksamen Leser dürfte aufgefallen sein, dass das alles Dinge sind, die in der veganen Ernährung eindeutig nicht vorkommen. Nun ist es so, dass ein Anhänger einer dieser Ernährungslehren theoretisch auch diese Tierprodukte weglassen könnte oder sie nur in so geringem Maße konsumiert, dass es ernährungsphysiologisch kaum relevant ist. Deshalb, so denken und handeln augenscheinlich einige Wissenschaftler, könnte eine solche Person trotzdem zur Untersuchung der veganen Ernährung herangezogen werden. Doch auch das ist falsch. Viele dieser Ernährungslehren beinhalten irrationale Einschränkungen wie der fast vollständige Wegfall von Hülsenfrüchten bei fast allen Rohkostformen, da diese vor dem Verzehr erwärmt werden müssten. Damit fehlt ihnen die wichtigste pflanzliche Proteinquelle. Oder der Wegfall von Getreide, Nüssen und Samen bei Rohkost nach Wandmaker, wodurch unter anderem die Nüsse als Fettquelle fehlen. Makrobiotiker vermeiden größtenteils Nachtschattengewächse (Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Auberginen) wegen deren "extremem Yin", womit ihnen Quellen für Stärke und Vitamine fehlen. Diese Einschränkungen in Grundnahrungsmitteln (hier: Hülsenfrüchte und Kartoffeln) und weiteren Nahrungsmitteln gibt es bei veganer Ernährung nicht und das kann sich deutlich in den ernährungsphysiologischen Folgen widerspiegeln. Genauso wichtig ist zu beachten, dass diese Ernährungsformen oftmals unter unreflektierten Schlagworten wie "Natürlichkeit" Vitamin-B12-Supplementation, die als "künstlich" angesehen wird, ablehnen. Wenn die Vertreter keine oder wenige Tierprodukte konsumieren, fehlt es ihnen dieses Vitamin im Gegensatz zu richtigen Veganern, die mit der Supplementation keine Probleme haben. So wundert es nicht, wenn es sich bei einem B12-Mangel, der angeblich bei einem Veganer festgestellt worden sei, tatsächlich um Rohköstler, Urköstler oder Makrobiotiker gehandelt hat. Daraus lässt sich das Offensichtliche schließen: Nur Veganer sind Veganer, alle anderen nicht. Querschlüsse zwischen den Ernährungsformen sind methodisch falsch. Unvertretbar? War es nur Zufall oder lag es daran, dass Lindsay Allen beim "Forschungsarm" des US-Landwirtschaftsministeriums angestellt ist, dem US Agricultural Research Service's Western Human Nutrition Research Centre? Die von ihr geleitete Studie13 von 2003 verglich vier Gruppen von Kindern, denen zu ihrer üblichen Ernährung zusätzlich Fleisch, Tiermilch und Pflanzenöl gegeben wurde. Das Resultat war, dass die Fleisch-Gruppe sich besser entwickelte als die anderen Gruppen. Ihre Schlussfolgerung, die sie zwei Jahre später gegenüber der Presse mit Bezug auf diese Studie äußerte, lautet: "Es ist unethisch, Kinder vegan zu ernähren."14 Wenn man betrachtet, wie sie von den Ergebissen zu dieser Schlussfolgerung kommt, wird man das Gefühl nicht los, dass sie andere für dumm hält. Die Versuchspersonen dieser Studie waren unter- bzw. schlecht ernährte Kinder in Kenia. Veganismus aufgrund von unterernährten Versuchspersonen, die etwas zusätzliches Öl bekommen, zu bewerten, ist so lächerlich, dass nicht verwunderlich ist, weshalb ihr eben zitierter Ausspruch nicht in der Studie selbst steht. Denn das hätten sich die Herausgeber der Fachzeitschrift verbeten. Auch der "Vergleich" der Versuchsgruppen ist nicht weniger lächerlich: Das Pflanzenöl hat bei allen Nährstoffen bis auf Eisen deutlich niedrigere Werte als die anderen beiden Ergänzungen.15 Z.B. bei Protein kaum die Hälfte und bei Zink nur knapp die Hälfte gegenüber Fleisch. Wäre eine wirklich äquivalente Ergänzung genommen worden (z.B. in Form von Hülsenfrüchten), wären die Ergebnisse anders ausgefallen als bei diesem groteskt schiefen Vergleich. Vor allem der erste dieser zwei ausgewählten16 Kritikpunkte wurde teilweise auch von der Presse berücksichtigt. Teilweise. Viele plapperten dagegen ohne kritische Hinterfragung Allens Aussage nach. So die Associated Press, deren Meldung bei Yahoo News unter dem Titel "Fleisch ist wichtig für kindliche Entwicklung" wiedergegeben wird, bei der Stuttgarter Zeitung mit dem Untertitel "Veganische [sic!] Ernährung für Kinder unvertretbar" und bei den Oberösterreichischen Nachrichten heißt es: "Vegane Ernährung schadet". Hinweise auf die Umstände der Studie fehlen. Übrig bleibt die Aussage, Veganismus sei schlecht für Kinder. Veganismus ist unnatürlich Vorurteilsbehaftete Wissenschaftler und Journalisten sind nicht die einzigen, die Veganismus in Verruf bringen. Auch unter angeblichen Veganern (die oftmals, wenn überhaupt, nur Veganköstlern sind) gibt es Personen und Gruppierungen, die esoterischen Ernährungslehren wie den oben genannten anhängen. Die Folge ist, dass sie Kleinkinder mit Mandelmilch ernähren, was selbstverständlich eine Mangelernährung ist, oder die B12-Supplementation als "künstlich" oder "synthetisch" ablehnen,17 was (wiederum gerade bei Kleinkindern) selbstverständlich schnell einen B12-Mangel nach sich zieht. Veganismus ist unnatürlich und das ist gut so. Die Natur ist kein Maßstab, weder die Ethik ("Löwen fressen doch auch Antilopen") noch die Ernährung betreffend. Es besteht keine generelle Notwendigkeit, bestimmte Lebensmittel aus anderen als aus ethischen Gründen zu vermeiden. Wenn es Grundnahrungsmittel betrifft, kann die Vermeidung schädlich sein. Und notwendige Supplementation abzulehnen, ist unverantwortlich. Der Veganismus ist keine Wunderernährung, die alle gesundheitlichen Probleme löst. Aber er ist – mit etwas Verstand durchgeführt –, gesund und ohne bedeutende Nachteile. Ungeachtet der Versuche mancher Journalisten und ideologischer Wissenschaftler, ihn mit billigen Methoden zu diskreditieren. Und ungeachtet einiger angeblicher Veganer, die unwissenschaftlichen Ernährungslehren anhängen. Denn an einer Hürde scheitert der antiwissenschaftliche Affekt letztendlich immer: den Fakten. ________ Fußnoten 1 L. T. Ho-Pham, P. L. T. Nguyen, T. T. T. Le, T. A. T. Doan, N. T. Tran, T. A. Le and T. V. Nguyen: Veganism, bone mineral density, and body composition: a study in Buddhist nuns, in: Osteoporosis International 20 (2009), H. 12, 2087–2093. 2 http://www.garvan.org.au/news-events/news/vegan-buddhist-nuns-have-same-bone-density-as-non-vegetarians.html [30.03.2011]. 3 Duo Li: Chemistry behind Vegetarianism, in: Journal of Agricicultural Food Chemistry 59 (2011), 777–784. 4 Das ist bei ihm Anm. 36, vgl. Li 2011, a.a.O., 779,2. Es handelt sich um: Duo Li, Madeleine Ball, Melinda Bartlett und Andrew Sinclair: Lipoprotein(a), essential fatty acid status and lipoproteinlipids in female Australian vegetarians, in: Clinical Science 97 (1999), 175–181. 5 Bei ihm Anm. 37, vgl. Li 2011, a.a.O., 780,1. Es handelt sich um: M.S. Rosell, Z. Lloyd-Wright, P.N. Appleby, T.A. Sanders, N.E. Allen, T.J. Key: Long-chain n-3 polyunsaturated fatty acids in plasma in British meat-eating, vegetarian, and vegan men, in: American Journal of Clinical Nutrition 82 (2005), H. 2, 327–334. 6 Bei ihm Anm. 35, vgl. Li 2011, a.a.O., 779,2. Es handelt sich um: D. Li, A. Sinclair, N. Mann, A. Turner, M. Ball, F. Kelly, L. Abedin, A. Wilson: The association of diet and thrombotic risk factors in healthy male vegetarians and meat-eaters, in: European Journal of Clinical Nutrition 53 (1999), H. 8, 612–619. 7 Bei ihm Anm. 38, vgl. Li 2011, a.a.O., 780,1. Es handelt sich um: M. Kornsteiner, I. Singer, I. Elmadfa: Very low n-3 long-chain polyunsaturated fatty acid status in Austrian vegetarians and vegan, in: Annals of nutrition & metabolism 52 (2008), H. 1, 37–47. 8 Rianne Baatenburg de Jong, Jolita Bekhof, Ruurdjan Roorda and Pieter Zwart: Severe nutritional vitamin deficiency in a breast-fed infant of a vegan mother, in: European Journal of Pediatrics 164 (2005), H. 4, 259–260. 9 Lierre Keith: The Vegetarian Myth. Food, justice, and sustainability, Flashpoint Press, Crescent City (CA) 2009, 181. 10 P.C. Dagnelie, J.V.R.A. Vergote, W.A. van Staveren WA: High Prevalence of Rickets in Infants on Macrobiotic Diets, in: American Journal of Clinical Nutrition 51 (1990), 201–208. 11 Keith, a.a.O., 241. 12 Klaus Leitzmann, Markus Keller, Andreas Hahn: Alternative Ernährungsformen, 2. überarb. Aufl., Stuttgart 2005, in dieser Reihenfolge: ayurvedisch: 43f. – Makrobiotik: 72, 78 – Rohkost: 124f., 130 – anthroposophisch: 81 (Rudolf Steiner zitierend mit den Worten: "Ich sage überhaupt niemals einem Menschen, ob er den Alkoholgenuß unterlassen soll oder ob er den Alkohol trinken soll, ob er Pflanzen essen oder Fleisch essen soll, sondern ich sage zu dem Menschen: der Alkohol wirkt so und so. Ich stelle ihm einfach dar, wie er wirkt, dann mag er sich entschließen zu trinken oder nicht. Und so mache ich es schließlich auch beim Pflanzen- und Fleischessen."). 13 Charlotte G. Neumann, Nimrod O. Bwibo, Suzanne P. Murphy, Marian Sigman, Shannon Whaley, Lindsay H. Allen, Donald Guthrie, Robert E. Weiss, and Montague W. Demment: Animal Source Foods Improve Dietary Quality, Micronutrient Status, Growth and Cognitive Function in Kenyan School Children: Background, Study Design and Baseline Findings, in: Journal of Nutrition 133 (2003), H. 11, 3941–3949. 14 In vielen Artikeln zitiert, u.a. http://www.healthylivingnyc.com/article/117 [01.04.2011]. 15 Vgl. Neumann et al. 2003, a.a.O., 3944,1, Tab. 1. 16 Dazu kommt auch die fragliche Objektivität. Abgesehen von ihrer Verbindung zum Landwirtschaftsministerium wurde diese Studie gefördert von – Überraschung – dem GL-CRPS ("Global Livestock Collaborative Research and Support Program") und von der "National Cattleman’s Beef Association", vgl. Neumann et al. 2003, 3941,1, Anm. 2. 17 Der Vorsitzende der Gruppe "vegane gesellschaft e.v." sagte einer Tageszeitung: "Ich finde es wichtig den Leuten zu sagen, dass sie kein synthetisches Vitamin B12 nehmen sollen, sondern aktives B12, das wirklich auch im Speicher landet."* Das ist irreführend, denn "synthetisches" B12 (meist Cyanocobalamin) ist immer aktives, wohingegen "natürliche" pflanzliche Quellen, die propagiert werden,** oft inaktives B12 (Analoga) beinhalten. Näheres siehe hier. *) http://blogs.taz.de/tischgespraech/2011/03/14/man_muss_den_menschen_reinen_wein_einschenken/ [14.02.2011]. **) "Vegane Rohköstler_innen, die auch Wildpflanzen verzehren und ihre Nahrung nie über 42° C erhitzen, leiden jedenfalls so gut wie nie unter einem B12-Mangel." (http://www.vegane-gesellschaft.org/2011/02/13/vegane-gesellschaft-deutschland-antwortet-auf-den-artikel-in-der-suddeutschen-zeitung/ [15.03.2011]). Aussagen darüber, wieso Wildpflanzen B12 enthielten und in welcher Menge, und eine Plausibilisierung für die Behauptung, Rohköstler bekämen keinen B12-Mangel, finden sich dort, wie zu erwarten, nicht. Andere Nachweise Agence France-Presse-Meldung: 02.09.2009, http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5jCeqkrlehJr_1Je2x5wCgH8MBF_g [30.03.2011]. n-tv-Artikel: 02.09.2009, http://www.n-tv.de/wissen/koerpergeist/Veganer-mit-schwachen-Knochen-article393972.html [30.03.2011]. opposingviews.com-Artikel: 06.06.2009, http://www.opposingviews.com/i/vegetarian-diet-leads-to-lower-bone-density [30.03.2011]. experto.de-Artikel: 10.02.2011, http://www.vnr.de/b2c/gesundheit/krankheiten/herz/haben-veganer-ein-schwaches-herz.html [10.02.2011]. diabetes-ratgeber.net: 03.03.2011, http://www.diabetes-ratgeber.net/Herzinfarkt/Vegane-Ernaehrung-schlecht-fuers-Herz-103337.html [03.03.2011]. SZ-Artikel: 03.02.2011, http://www.sueddeutsche.de/wissen/vegane-ernaehrung-auf-zu-viel-verzichtet-1.1055074 [11.02.2011]. dpa-Meldung: 11.02.2011, http://www.n-tv.de/wissen/Veganer-muessen-vorbeugen-article2591451.html [11.02.2011]. ap-Meldung: http://de.news.yahoo.com/050303/12/4fxt2.html [04.03.2005, nicht mehr online, Text hier]. Stuttgarter-Zeitung-Artikel: 03.03.2005, http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/886304 [04.03.2005, nicht mehr online, Text hier]. Oberösterreichischen-Nachrichten-Meldung: 05.03.2005, http://www.nachrichten.at/leben/339051?PHPSESSID=baaf46b1d63d21b08f3b9812c160b7b4 [05.03.2005, nicht mehr online, Text hier]. Foto Brokkoli: altaripa.sabine / Flickr / CC BY-NC-SA 2.0 Foto Brot: adactio / Flickr / CC BY 2.0 Foto Kind: TKnoxB / FLickr / CC BY 2.0 Friday, October 15. 2010Spiegelbild der Ethik
Letztes Jahr machte die Nachricht die Runde, dass Schweine mit Spiegeln umgehen können.1 Sie konnten sie dazu benutzen, um Nahrung zu finden, die nur im Spiegel zu sehen war, ohne das Spiegelbild für real zu halten oder zu ignorieren. Seitdem wird ihnen der Besitz von Bewusstsein, wenn auch noch nicht von Selbstbewusstsein zugestanden. Damit ihnen Selbstbewusstsein attestiert würde, müssten sie den Spiegeltest bestehen. Das ist ein Test aus der Verhaltens- und Kognitionsforschung, bei dem die Versuchstiere mit einem farbigen Punkt auf der Stirn oder dem Hals markiert werden. Ihnen wird ein Spiegel gegeben und wenn sie mithilfe des Spiegels diese Markierung näher betrachten und sie zu berühren versuchen, beweise das, dass sie ein Bewusstsein davon haben, dass das Spiegelbild sie selbst darstellt. Tiere, die das Spiegelbild ignorieren oder es für ein anderes Tier halten, haben den Test nicht bestanden. Nur einige Arten der Affen, Delfine und Krähenvögel bestehen bisher diesen Spiegeltest. Alle anderen Spezies gelten nicht als sich selbst bewusst.
Während wiederholt damit argumentiert wurde (und wird), nichtmenschliche Tiere verdienten keine Rechte, weil sie – anders als Menschen – kein Selbstbewusstsein besäßen, hat diese Entdeckung den Affen und den anderen Spezies in der Praxis bisher wenig genützt. Affen sterben in Labors, Delfine im Fischfang und Krähen als "Schädlinge". Auch den Schweinen hat das Zugestehen eines Bewusstseins nichts gebracht. Weiterhin werden über 50 Millionen jedes Jahr allein in Deutschland getötet. Hunde, die in dieser Hinsicht nicht so intelligent sind wie Schweine, werden dagegen meistens verhätschelt. Gegen diesen Test und die Selbsterkenntnis als Kriterium für ethische Berücksichtung spricht aber nicht nur seine offenkundige Wirkungslosigkeit auf das ethische Verhalten der Menschen – oder genauer gesagt, seine einseitige Wirkung: denn zum Absprechen von Rechten reicht es offenbar –, sondern auch mehrere methodische Schwächen. Eine aktuelle Studie unter der Leitung von Luis Populin hat erneut diese Schwächen und die Fehlerhaftigkeit des Tests belegt.2 Bei Makaken (Rhesusaffen) ging man bisher davon aus, dass sie kein Selbstbewusstsein besäßen, da sie den Spiegeltest nicht bestanden. Das passte ins Weltbild, denn Menschenaffen (Primaten) wie Schimpansen oder Orang-Utans bestehen den Test, Makaken gehören dagegen nicht zu den Primaten, sondern zu den "weniger hoch entwickelten" Affenarten. Bei dem Experiment von Populin, das eigentlich nicht diese Fähigkeit untersuchen sollte, haben die Makaken Elektroden, die auf ihrem Kopf befestigt wurden, mithilfe eines Spiegels näher betrachtet, das Fell darum gesäubert und teilweise den Spiegel in die Hände genommen und so gehalten, dass sie sich besser betrachten können. Dass sie beim klassischen Markierungstest durchgefallen sind, hat zu einer falschen Schlussfolgerung über ihre Fähigkeit zu Selbsterkenntnis geführt, die sie, wie man nun weiß, doch besitzen. Damit plädiere ich jedoch nicht dafür, dass man den Test nur verfeinern und weiterhin anwenden sollte, denn das gesamte Konzept ist an sich fehlerhaft. Genauer gesagt, es ist anthropozentrisch. Während Menschen ca. 80 Prozent ihrer Sinneswahrnehmung über die Augen beziehen, sind andere Spezies nicht so stark auf den visuellen Sinn fixiert. Die Wiedererkennung mit einem Spiegel zu testen ist rein visuell und bei Menschen daher sinnvoll. Bei Hunden spielt dagegen der Geruchssinn eine größere Rolle, bei Katzen das Gehör usw. Manche Spezies sind (visuell) praktisch blind, wie Maulwürfe und Fledermäuse. Sie würden schon aus formalen Kritieren diesen Test nie bestehen können. Würde die Fähigkeit der Selbsterkenntnis bei Menschen durch Gerüche, Geräusche oder – analog zu Fledermäusen – über Ultraschall bestimmt, würden Menschen oft, im letzten Fall grundsätzlich, durchfallen. Man könnte nun einwenden, dann solle man für Hunde eben einen Geruchstest entwickeln, für Katzen eine Hörtest usw. Gegen den Versuch einer weiteren Verbesserung spricht Makaken-Experiment. Denn obwohl Makaken, was ihre Fixierung auf das Visuelle betrifft, dem Menschen und anderen Menschenaffen, die den klassischen Markierungstest bestehen, sehr ähnlich sind, hat der visuelle Test zu einem falschen Ergebnis geführt. Wie der Studienleiter (der sich letztlich trotzdem für die Verbesserung des Tests ausspricht) sagt: "Denn es scheint möglich, dass diese Tiere über ein Bewusstsein ihrer selbst verfügen, das sich von unserem Ich-Bewusstsein unterscheidet […]." Mit einem an der menschlichen Form des Selbstbewusstseins ausgerichteten Test kann man nichtmenschlichen Tieren nicht gerecht werden. Anthropozentrisch ist es auch in einer zweiten Hinsicht. Es wird im Zusammenhang mit dieser Art von Test behauptet, dass nichtmenschliche Tiere nur dann Rechte erhalten sollten, wenn ihre Fähigkeiten den Fähigkeiten von Menschen ähnlich sind. Umso ähnlicher sie sind, umso mehr Rechte sollten sie haben. Das Problem ist, dass diese Denkweise weiterhin speziesistisch ist. Vergleichen wir es mit Rassismus: In südamerikanischen Ländern gibt es Diskriminierungen aufgrund der Hautfarbe, die Abstufungen kennt. Hier gibt es durch das Nebeneinander von Schwarzafrikanern, Weißen und Eingeborenen viele sog. Mulatten und Menschen mit anderen Mischungen der Hautfarbe. Rassismus tritt dadurch auf, dass die Menschen teilweise nach ihrer "Hellhäutigkeit" bewertet werden: umso heller die Hautfarbe, desto besser. Das ist Rassismus mit Abstufung, aber es ist immer noch Rassismus. Die Aufwertung nichtmenschlicher Tiere nach dem Grad ihrer Übereinstimmungen mit Menschen ist analog dazu weiterhin speziesistisch. Es schafft nur neue Hierarchien, statt die alten abzubauen. Auch bewerten wir die Grundrechte von Menschen nicht nach ihrer Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Wir bewerten andere Rechte in dieser Weise und dies ist berechtigt. Kleinkinder, die bis zu einem gewissen Alter, und geistig behinderte Menschen, die ab einer gewissen Schwere der Behinderung, nicht die Fähigkeit der Selbsterkenntnis bzw. keine höhere Rationalität besitzen, haben beispielsweise kein Wahlrecht oder kein Recht auf höhere Schulbildung, da ihnen die kognitiven Fähigkeiten, diese wahrzunehmen, fehlen. Der Besitz der Grundrechte dagegen ist dieses Kriterium irrelevant. Man darf sie nicht als Organspender oder Versuchsobjekte missbrauchen, nur weil sie sich nicht im Spiegel erkennen oder die Zukunft planen können. Genauso sollten auch nichtmenschliche Tiere nicht nach ihrer Fähigkeit zur Selbsterkenntnis oder ähnlichen Kriterien bewertet werden. Denn die Ungleichbehandlung in diesem Punkt wäre speziesistisch, es hieße, gegen den Gleichheitsgrundsatz zu verstoßen, auf dem jede Ethik beruht. Genauso wie Menschen ohne die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis Grundrechte (wie das Recht auf Leben) haben, darf man auch nichtmenschlichen Tieren konsequenterweise elementare Rechte nicht absprechen, wenn sie diese Fähigkeit nicht besitzen. Trotz der Abstufungen – Makaken können sich im Spiegel erkennen, Schweine können Spiegel benutzen, Hühner weder das eine noch das andere – haben alle diese Tiere das gleiche Grundinteresse, nicht als Ressource gebraucht zu werden. Und das ist letztlich Grund genug, um sie auch nicht so zu behandeln. Ein Spiegel sollte das bleiben, was er ist: ein nützlicher Gegenstand, nicht die Grenze zwischen Leben und Tod. ________ 1 Donald M. Broom, Hilana Senaa and Kiera L. Moynihana: Pigs learn what a mirror image represents and use it to obtain information, in: Animal Behaviour Jg. 78 (2009), Nr. 5, 1037-1041. 2 Jan Lauwereyns, Abigail Z. Rajala, Katharine R. Reininger, Kimberly M. Lancaster, Luis C. Populin. Rhesus Monkeys (Macaca mulatta) Do Recognize Themselves in the Mirror. Implications for the Evolution of Self-Recognition, Vorabveröffentlichung: PLoS ONE (2010), 5 (9): e12865, DOI: 10.1371/journal.pone.0012865. Sunday, June 13. 2010Das natürliche Hemmnis gegen Gewalt
Man kann Tierrechte und das daraus resultierende persönliche Verhalten – die vegane Lebensweise – theoretisch begründen. Die Grundlage ist, vereinfacht gesprochen, auf der einen Seite das Gleichheitsprinzip (gleiche Berücksichtigung gleicher Interessen), dessen Einschränkung auf die menschliche Spezies aufgehoben wird, da es keine signifikanten ethischen Unterschiede zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren (die ein Bewusstsein haben) und damit keine Rechtfertigung für diese Einschränkung gibt. Auf der anderen Seite ist es die Überzeugung, dass Leid vermieden werden soll, wenn es vermieden werden kann, da Leid als etwas genuin Schlechtes betrachtet wird.
Genau genommen ist Letzteres jedoch keine rein geistige Überzeugung, sondern ein Instinkt. Der Widerwillen, der bei der Beobachtung, wie einem anderen empfindungsfähigen Lebewesen Leid zugefügt wird, entsteht, ist die Empathie. Wie alle Instinkte, wird auch Empathie durch die Sozialisation in den gesellschaftlichen Rahmen eingepasst. Im Fall von Empathie für andere Tiere ist die gesellschaftliche Dominante der Speziesismus. Diese Einpassung bedeutet, dass gelernt wird, die instinktive Empathie bei nichtmenschlichen Tieren zu unterdrücken. Italienische Forscher haben nun nachgewiesen, dass bei Rassisten der Instinkt der Empathie unterdrückt wird.1 Was Sozialpsychologen bereits vermutet haben – dass Rassismus mit einem Mangel an Einfühlungsvermögen einhergeht – wurde durch die Studie neuropsychologisch belegt. Während Menschen normalerweise automatisch mitleiden, wenn sie sehen, wie einem anderen Menschen Leid zugefügt wird, unterbleibt diese Reaktion (wie durch Messung und Vergleich der Hirnaktivitäten und von Muskelreaktionen festgestellt wurde), wenn die leidende Person die "falsche" Hautfarbe hat. Der Forschungsleiter sagt dazu: "Die automatische Muskelreaktion zeigt menschliche Anteilnahme am Leiden Fremder, zumindest solange sie nicht mit vorurteilsbehafteten Stereotypen belegt sind." Was für Rassismus gilt, gilt (mutatis mutandis) auch für andere Diskriminierungsformen, in diesem Fall den Speziesismus. Wenig überraschend hat so auch eine neue Studie mit neurologischen Untersuchungen bestätigt, dass die Gehirnregionen für Empathie bei Veganern beim Anblick auch von tierlichem Leiden stärker aktiviert werden als bei Omnivoren.2 Die Schlussfolgerung ist simpel: Menschen, die nicht (mehr) mit den vorurteilhaften Stereotypen gegenüber (nichtmenschlichen) Tieren behaftet sind, zeigen ihnen gegenüber wieder eher das ursprüngliche Maß an Empathie. Ursprünglich deshalb, weil Kinder die Fähigkeit zu vorurteilsloser Empathie noch besitzen. Sie empfinden sie auch beim Anblick von Leid, das nichtmenschlichen Tieren zugefügt wird, weil sie das speziesistische Vorurteil, nichtmenschliche Tiere seien weniger wert als Menschen und könnten daher fraglos anders behandelt werden, noch nicht übernommen haben. Oder wie Freud es in Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse formulierte: Das Kind empfindet keinen Unterschied zwischen dem eigenen Wesen und dem des Tieres; es läßt die Tiere ohne Verwunderung im Märchen denken und sprechen; es verschiebt einen Angstaffekt, der dem menschlichen Vater gilt, auf den Hund oder auf das Pferd, ohne damit eine Herabsetzung des Vaters zu beabsichtigen. Erst wenn es erwachsen ist, wird es sich dem Tiere soweit entfremdet haben, daß es den Menschen mit dem Namen des Tieres beschimpfen kann. Seine späteren Erwerbungen vermochten es nicht, die Zeugnisse der Gleichwertigkeit zu verwischen, die in seinem Körperbau wie in seinen seelischen Anlagen gegeben sind.3 Was Freud hier noch (vielleicht ganz ohne Absicht) im Aktivsatz formulierte – das Kind entfremdet sich – ist tatsächlich die Einwirkung von außen, die der Sozialisation. Massive Indoktrination wird nicht nur von der Tierausbeutungsindustrie betrieben und vom Staat durch "Schulmilchprogramme" gefördert. In den Lehrplänen der Schulen sieht es entsprechend aus: Kinder lernen, dass Kühe Milch "geben", und lernen nicht, was mit den Kälbern, für die diese Milch gedacht ist, geschieht. Auch die Eltern handeln oftmals nicht anders, nicht zuletzt um ihr eigenes Weltbild nicht zu stören. Die Eigeninitiative von Kindern und Jugendlichen eine vegane Lebensweise anzunehmen, wird vorzugsweise durch die Ammenmärchen drohender Mangelerscheinungen be- oder verhindert. Auf der Alltagsebene wirkt sich die Distanz zum "Produktionsprozess" von Tierprodukten zuungunsten der Tierausbeutung aus. Tier"farmen" und Schlachthäuser liegen weit außerhalb der Städte und die Tierleichen werden bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt und sauber in Folie eingepackt. Dadurch fehlt die "Sensibilisierung für das Tier als Nutzobjekt" und die Verbraucher reagieren auf "Tierschutz-Skandale" mit kurzzeitigem Nachfragerückgang. Kurzzeitig - bis die speziesistische Normalität wieder hergestellt ist. Während das Töten der Tiere früher noch präsenter war, "fehlt" heute zunehmend die Abstumpfung gegenüber Gewalttaten gegen Tiere. Die rhetorische Frage "Du kommst aus der Stadt oder?" als Antwort auf geäußerte Kritik an Tierausbeutung, hätte in Bezug auf Rassismus vor ein paar Hundert Jahren in den USA ihre Entsprechung in der Frage "Du kommst aus den Nordstaaten oder?" gehabt. Die natürliche Empathie lässt sich nicht so einfach abschalten, sie muss aufwändig unterdrückt werden. Die Schlachthofsmauern können jedoch nicht mehr höher gebaut werden und so ist die zunehmende Medialisierung und dadurch schnellere und bessere Verbreitung von Informationen, der Anfang vom Ende der Tierausbeutungindustrie. ________ 1 Alessio Avenanti et al.: Racial Bias Reduces Empathic Sensorimotor Resonance with Other-Race Pain, in: Current Biology 20 (2010), Nr. 11. 2 Filippi M, Riccitelli G, Falini A, Di Salle F, Vuilleumier P, et al. (2010) The Brain Functional Networks Associated to Human and Animal Suffering Differ among Omnivores, Vegetarians and Vegans. PLoS ONE 5(5): e10847. 3 Sigmund Freud: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse, in: Gesammelte Werke, Bd. XI, 3. Aufl., Frankfurt/M. 1966, S. 7f. Monday, April 26. 2010Ideologische Wissenschaft - damals und heuteDie Welt ist voller Unwissenheit. Was Veganismus anbelangt, befinden wir uns im finstersten Mittelalter, in dem die Menschen sich fürchten, vom Rand der Welt zu fallen, obwohl schon viele Jahrhunderte zuvor der Radius des Globus mit erstaunlicher Genauigkeit erfaßt wurde. Der von der Kirche geschürten Angst vor Hexerei entspricht der von der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie genährte Aberglaube an magische Stoffe in tierlichen Produkten, ohne deren Präsenz der Fluch angeblicher Mangelerscheinungen heraufbeschworen wird.1 Diese Unwissenheit abzubauen, hat sich bisher nur die American Dietetic Association (ADA) bemüht, die 2003 und 2009 durch die Auswertung einer Vielzahl an Studien die vegane Ernährung als für jedes Lebensalter geeignet bezeichnete. Der Rest der Ernährungswissenschaft fürchtet immer noch, am Rand hinabzufallen, wenn sie das Offensichtliche bestätigen müsste. Nicht selten stimmt auch die Presse in dieses Konzert ein, indem sie für den Veganismus positive Ergebnisse aus Studien solange verdrehen, bis sie negativ aussehen. Das muss mit keiner Verfälschung einher gehen – das Positive zu marginaliseren und das Negative herauszustellen erzielt bereits den gewünschten Eindruck. ![]() Fachzeitschrift für Ernährungswissenschaft Die Auswertung von drei früheren Studien, die zwischen 1954 und 1967 erhoben worden waren, sowie die eigene Studie, habe erwiesen, so die Autoren, dass "vegane Ernährung, die unbehandelte Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Gemüse und Früchte umfasst, keine erkennbaren Mangelerscheinungen hervorruft" und lediglich Vitamin B12 supplementiert werden sollte. Es wäre erwiesen, dass "die durchschnittliche Nährstoffaufnahme die empfohlenen Tagesdosen erfüllt". Bei der Nährstoffanalyse der Studien (zwischen Veganern, Vegetariern und Omnivoren) waren die Werte für Eisen und Thiamin (Vitamin B1) bei Veganern zudem höher als bei Omnivoren. Und auch wenn die Protein-Aufnahme geringer war, konsumierten Veganer "einen angemessenen Anteil verwendbaren Proteins".4 Beim Vitamin B12 lautete das Ergebnis der eigenen Studie, dass die Veganer keinerlei Anzeichen für einen Mangel zeigten (wobei die Autoren vermuten, dass angereicherte Produkte konsumiert wurden). Abschließend stellten sie fest: Aus unserer Studie mit Veganern zeigt sich eindeutig, dass diese Ernährung einen befriedigenden Nährwert für Erwachsene garantiert, vorausgesetzt, es wird Vitamin B12 supplementiert, wenngleich es interessant wäre, eine weitere Studie mit veganen Kindern und Jugendlichen durchzuführen. Miller (1963) hat nämlich gezeigt, dass es möglich ist, mit ausschließlich pflanzlichen Bestandteilen Säuglingsnahrung mit NApCal 8%[5] herzustellen, die damit die Anforderungen [an Säuglingsnahrung] erfüllt. Das bedeutet auch, bereits vor knapp 50 Jahren wurde festgestellt, dass auch vegane Säuglings- bzw. Kinderernährung höchstwahrscheinlich kein Problem darstellt. Dennoch gibt es noch im Jahr 2010 Ärzte, die von veganer Kinderernährung abraten. Das geschieht meistens durch solche Personen, die nicht einmal wissen, was Veganismus überhaupt ist und am liebsten auch keine einzige Studie durchgeführt oder sich vorhandene angesehen haben. Das hält sie schließlich nicht davon ab, ablehnende Pauschalurteile zu fällen. So wie trotz der Kenntnis der Kugelgestalt der Erde im Mittelalter die Fehlinformation der Scheibengestalt aus politischen Gründen verbreitet wurde, ist die heutige Ernährungswissenschaft nicht weniger politisch. Während sehr vielen Menschen bekannt ist, dass Veganer eine niedrige Vitamin-B12-Aufnahme haben könnten (und bei nicht wenigen Menschen ist das das einzige, was sie über Veganismus wissen), ist praktisch unbekannt, dass Veganer grundsätzlich gute Werte bei einem anderen Vitamin, der Folsäure oder Vitamin B9, haben, obwohl die Durchschnittsbevölkerung viel zu wenig Folsäure aufnimmt.7 Dennoch gibt es etliche Studien zum B12-Status bei Veganern, aber kaum Studien zum B9-Status. Nicht zuletzt deshalb, da man hier gezwungen wäre, etwas Positives über Veganismus zu sagen. Ähnlich unbekannt ist die gute Eisenversorgung (wie die o.g. Studienauswertung zeigte, war das schon vor knapp 50 Jahren bekannt), dennoch wird von der schlechteren Eisenversorgung der Vegetarier unhinterfragt auf Veganer geschlossen. Diese gezielte Nicht- und Fehlinformationen dienen der Aufrechterhaltung des Dogmas des ungesunden Veganismus. Solange das besteht, haben die Unveganer immer eine gute Ausrede zur Hand, sich nicht mit der ethischen Dimension ihres Verhaltens auseinandersetzen zu müssen. Dass in einer speziesistischen Gesellschaft die Ernährungswissenschaft (bis auf Ausnahmen) einen entscheidenden Teil zu dieser Aufrechterhaltung beiträgt, versteht sich. Aus der Geschichte zu lernen ist ratsam, um gleiche Fehler nicht zu wiederholen. Manche der heutigen Ernährungswissenschaftler sind die Kleriker der Gegenwart, die Fakten ignorieren, die seit langer Zeit bekannt sind. Veganismus darf nicht möglich und gesund sein, da das die eigene Ideologie beeinträchtigen würde. Es bleibt zu hoffen, dass es neben den obigen Autoren und der ADA mehr werden, die solchen Kräften entgegensteuern und sich nicht scheuen, das etablierte Weltbild zu verändern. ________ 1 http://veganismus.de/intro.html [27.04.2010]. 2 "The nutritional status of vegans and vegetarians", in: Proceedings of the Nutrition Society 26 (1967), S. 197-205. 3 Wobei Veganismus genau genommen natürlich keine Ernährungsform, sondern ein Lebensstil ist 4 Im englischsprachigen Raum ist der Protein-Mythos (Veganer hätten irgendwelche Versorgungsprobleme bei Proteinen) wesentlich stärker verbreitet als im deutschsprachigen. 5 Das ist eine Angabe für Proteinqualität. Der hier genannt Wert entspricht dem menschlicher Muttermilch. 6 Erst ab dieser Zeit stieg die Weltbevölkerung exponential an (die Zahl von vier Milliarden wurde "erst" 1980 erreicht). Gleichzeitig gab es erst seit knapp zwanzig Jahren "Massentierhaltung" im heutigen Sinne. Bis heute ist es bekanntlich nicht besser geworden, immer mehr pflanzliche Nahrung wird in der Tierausbeutungsindustrie verschwendet, während der Welthunger zunimmt. 7 http://www.bfr.bund.de/cd/8899#a8906 [27.04.2010]. Saturday, February 14. 2009Ein weiterer Pyrrhussieg
Wieder haben die Tierschützer einen Erfolg zu feiern. Diesmal geht es aber nicht darum, daß Tiere in größeren Käfigen oder einer sauberen Umgebung ausgebeutet werden, sondern die Anzahl der Tierversuche für einen speziellen Test wurde reduziert, wofür es natürlich gleich einen Tierschutzpreis zu verleihen gab.
Die Wissenschaftler entwickelten ein Testsystem für die Gentherapie bei schweren Immundefekten oder Stoffwechselerkrankungen, das eine Vielzahl von Tierversuchen überflüssig macht. Waren vorher hundert Mäuse für eine Testreihe nötig, ist jetzt nur eine einzige notwendig. (Quelle) Und auch wenn es langsam zu einer ständigen Wiederholung wird, kann man es nicht oft genug sagen (und hoffen, das Wiederholen wirkt sich bei den Betreffenden positiv auf den Lernprozeß aus): solcher reformistischer Tierschutz wird nie zur Abschaffung der Tierausbeutung führen. Dabei sind es nichts anderes als die eigennützigen finanziellen Überlegungen, die zu solchen Veränderungen führen. Es ist schlichtweg billiger, weniger Tiere für das gleiche Ergebnis umzubringen und den verbleibenden Opfern hilft das genauso viel wie dem Gesamtfortschritt: nämlich gar nichts. Dabei wären auch in diesem Fall diese Tierrechtsverletzungen keineswegs nötig, denn auch hier wie sonst gilt, daß eine vegane Gesellschaft heute schon möglich wäre. Die Tierschützer mit ihrem Reformismus aber helfen genau diese zu verhindern. Genauso wie Pseudo-Tierrechtsorganisationen mit ähnlichen Ambitionen. So kann man auch in diesem Fall nur wiederholen: das einzige, was den Tieren wirklich hilft, ist die völlig Abschaffung und nicht, wie es in einem anderen Artikel dazu heißt, die "Belastung" für die in den Tierversuchen eingesetzten Tiere "zu vermindern" oder "ihre Zahl zu verringern". Und erst dann – man achte auf die Bände sprechende Reihenfolge – heißt es dort: "oder sie ganz zu ersetzen". Was passiert, ändert man das System ohne die Menschen zu ändern (in diesem Fall: sie zum Veganismus zu führen), zeigte sich bereits mehr als deutlich am Beispiel des Rassismus. Nachdem die Sklaverei in den USA aus wirtschaftlichen, statt ethischen Gründen, beendet wurde, waren die betreffenden Menschen zwar formal keine Gefangenen mehr, aber der Rassismus und damit die Diskriminierung dieser war noch hundert Jahre lang Teil der offiziellen Staatspolitik und ist bis heute in den Köpfen der Menschen ein fester Bestandteil, der sich entsprechend regelmäßig auch in Taten äußert. Betreibt man heute Reformismus oder ersetzt 'echte' durch künstliche Leichenteile, wird sich das immer nur auf diese kleinen, eingeschränkten Bereiche auswirken (und das nicht einmal positiv) und prädestiniert damit der Abschaffung des Speziesismus eine ähnliche Entwicklung. Die Tierschützer (denen es angeblich wirklich um die Tiere geht) könnten statt dessen natürlich auch Tierrechte betreiben und Veganismus propagieren, aber das würde voraussetzen, sie hätten die Sache wirklich begriffen oder gar aus der Geschichte gelernt. Doch das ging nun wirklich zu weit. Sunday, January 18. 2009Künstliche Leichenteile
"In-vitro-Fleisch" (auch: "Kunstfleisch") ist tierliches Muskelgewebe, das nicht in Tieren gewachsen ist, sondern im Labor in einem Nährmedium. Diese Methode "Fleisch" herzustellen wird vor allem von Tierschützern, aber auch von manchen Tierrechtlern als zukunftsweisende Alternative gesehen, da der "Fleisch"-Nachfrage gedeckt werden könne, ohne Tiere zu züchten und zu schlachten.
Dieser Enthusiasmus allerdings ist verfrüht, denn weder ist das Produkt vegan, noch eignet es sich als Überzeugungshilfe für den Veganismus. Vegan ist es nicht, da das Ausgangsmaterial von Tieren entnommen wird. Bisher ist es auch eine reine Wunschvorstellung, daß eine Zellkultur weiterbenutzt werden könnte. Es müssen also immer wieder neue Zellen von Tieren entnommen werden und selbst wenn das ohne direkte Schädigung der Tiere erfolgen könnte, müßten die Tiere weiterhin "gehalten", d.h. eingesperrt werden. Darüber hinaus ist auch das Nährmedium, in dem die Zellen wachsen, unvegan, so besteht es zum Teil aus Blut von Kälbern ("fötales Kälberserum"). Eine pflanzliche Alternative gäbe es wohl, sie ist aber nochmals wesentlich teurer. Als Überzeugungshilfe eignet es sich nicht, da es keine Überzeugungsarbeit leistet. Anstatt die Menschen von der ethischen Verwerflichkeit der Ausbeutung von Tieren zu überzeugen, werden ihnen Ersatzprodukte vorgesetzt, sodaß sie leicht in den Glauben verfallen, sie müßten sich nicht ändern, sondern die Gesellschaft habe sich darum zu kümmern, ihre Tierausbeutungsprodukte zu ersetzen (ob so oder mit vermeintlich schmerzunempfindlichen Tieren). Und beim "Fleisch" endet die Ersatzleistung bereits. Niemand also auf die Idee kommen, Tiermilch, "Honig" oder Eier durch Alternativen zu ersetzen, oder nicht mehr in "Zoo" oder "Zirkus" zu gehen. Viel eher ist zu erwarten, daß sich durch diesen "Verzicht" auf die Ermordung von Tieren für "Fleisch", die Person ein gutes Gewissen gegenüber ihren sonstigen, tierausbeutenden Lebensweise bekommt und dadurch am Ende mehr andere Tierprodukte konsumiert und unter Umständen mehr Tierleid verursacht als zuvor. Auch aus tierrechtsstrategischer Sicht sollte man es gut überdenken, ob eine Bewerbung solcher Dinge sinnvoll ist. Es ist nicht nur unvegan und kann zu einer Gewissenberuhigung führen, die außerdem bereits heute einsetzen kann, wenn der entsprechende Unveganer einen "Verzicht" für unnötig hält, da er nur darauf warten müsse, bis die Forschung das Problem für ihn erledigt. Sondern es suggeriert außerdem, daß der "Fleisch"-Konsum das Problem des Unveganismus sei und nicht die Tierausbeutung insgesamt, sodaß ungewollte auch andere Bereiche (wie z.B. Vegetarismus) relativiert werden, obwohl ein Vegetarier unter Umständen mehr Tierleid verursacht als ein "normaler" Unveganer. Nicht zuletzt wird dieses Thema mit der Tierschutzorganisation Peta assoziiert, da sie für die Erforschung eines solchen "marktfähigen Produktes" ein Preisgeld ausgeschrieben hat, und jedem Tierrechtler sollten die Haare zu Berge stehen bei dem Gedanken, mit diesen Leuten in Verbindung gebracht zu werden. Anstatt jetzt oder eventuell in Zukunft seine Energie auf die Bewerbung solcher Dinge zu verschwenden, sollte man die Menschen zu einem wirklichen Umdenken bewegen, d.h. vom Veganismus überzeugen. Und Veganismus braucht solche Ersatzprodukte nicht, da es ausreichend abwechslungsreiche vegane Nahrungsmittel gibt, darunter Alternativen wie Tofu, Seitan oder Sojaextrudat. Wednesday, July 30. 2008
Posted by Achim Stößer
in Politik/Soziales, Rückschritte, Wissenschaft
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07:43
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Klimaveganer Klimaveganer seien Veganer, die (analog zu Klimavegetariern) nicht aus tierrechtsethischen Gründen keine Tierprodukte konsumieren, sondern dies aus Gründen des Klimaschutzes tun, meint ein Kommentator der Zeit (Maximilian Grosser, "Durch Fleischverzicht die Welt retten", 28. Juli 2008). Hierbei stellt er deutlich heraus, daß auch diesbezüglich Veganismus dem Vegetarismus ethisch haushoch überlegen ist:Doch der Gedanke an die Rettung der Welt ist wieder da und zwar viel überzeugender als von den militanten Tierschützern. Eine neuer Typ von Fleischverweigerern entsteht: der Klimavegetarier. [...] Ein Fünftel des weltweiten Ausstoßes von Kohlenstoffdioxid geht laut FAO, der Weltagrarorganisation der UN, auf die Viehhaltung zurück, mehr als das Transportwesen zu verursachen vermag. Dennoch gibt es neben der fehlenden tierrechtsethischen respektive antispeziesistischen (und somit in der Regel egoistischen) Motivation einen weiteren negativen Aspekt: Zwar könnte die fleischlose Ernährung die Welt laut Klimavegetarier rein theoretisch retten. Doch bislang taugt sie noch nicht zur Weltrevolution. Denn der Fleischkonsum wird weltweit entgegen aller Vernunft steigen. Die indische und chinesische Gesellschaft kommt beispielsweise gerade erst zu Wohlstand und will Fleisch und Käse. [...] Monday, November 5. 2007Umweltbundesamtslösung: ab sofort alle Menschen vegan
Das Umweltbundesamt (UBA) bestätigt:
"Die rechnerisch einfachste Lösung wäre, wenn alle Menschen sich ab sofort vegan ernähren würden." Zwar bezieht sich das nicht auf tierrechtsethische Fragen oder Antispeziesismus, sondern Klimaschutz (weil "Die Abgase einer einzigen Milchkuh [...] in etwa so klimaschädlich wie die eines Kleinwagens, der 18.000 Kilometer im Jahr gefahren werde" seien, Stichwort Treibhausgase, v.a. Lachgas auf Gülle und Methan aus dem Verdauungsprozeß von Rindern), und der hier von Spiegel online zitierte "UBA-Experte" Dietrich Schulz behauptet sogleich abschwächend, "dass ein Verzicht auf Viehhaltung die Landwirtschaft existentiell bedrohen würde" (weil Veganer sich ohne Landwirtschaft ernähren, indem sie durch die Wälder streifen und an Baumrinden nagen?) - vermutlich wurde ähnlich auch früher die Sklavenhaltung gerechtfertigt - und empfiehlt einen (tödlichen) "Kompromiss", nämlich "die mediterrane Ernährung. Ein Italiener beziehe nur etwa 25 Prozent seiner täglichen Kalorienaufnahme aus tierischen Quellen, die Deutschen dagegen bei 39 Prozent." Doch daß die zentrale Umweltbehörde der Bundesrepublik Deutschland und somit ein Bundesministerium (das für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, zu dem das UBA gehört) eingesteht, daß Veganismus die beste Lösung für ein Problem ist, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. (Quelle aller Zitate: "WWF fordert Steuer auf Kuh-Abgase", Spiegel online, 05. November 2007) Sunday, August 27. 2006Früher war alles anders: Heute ist alles Mist
Es stinkt zum Himmel. Selbst auf der Autobahn ist es häufig nicht zu überriechen - was gern als "Düngung" verkauft wird, das Ausbringen von Gülle auf Felder, ist überwiegend Entsorgung, und das mit fatalen ökologischen Folgen etwa für Gewässer und nicht zuletzt das Grundwasser. Schon jetzt wird nach neuen Möglichkeiten gesucht, Scheiße zu Gold zu machen, etwa durch Entwicklung von Aromastoffen aus Exkrementen; und die Ausbreitung der "Vogelgrippe", die erst vor kurzem zu einer Pandemiehysterie geführt hat, wurde nicht etwa durch Zugvögel, sondern primär neben dem Verdealen von Leichen durch den Handel mit Hühnerkot verursacht.
Bemerkenswerterweise wird Veganern einerseits vorgeworfen, das (in der heutigen unveganen Gesellschaft kaum vermeidbare) jauche- oder güllegedüngte Gemüse zu konsumieren, andererseits behauptet, ohne Tierausbeutung gäbe es keine Möglichkeit zu düngen (alternativ: keine Möglichkeit, ohne den "bösen Kunstdünger" auszukommen). Lassen wir Hobbygärtner, die dem Gießwasser gern einmal Eigenurin zusetzen, beiseite; lassen wir die Frage, inwiefern das Einsammeln von Guano Vögeln grundsätzlich schadet - inzwischen sind durch den Guanoraubbau bereits ganze Pinguinspezies bedroht, und eine Kormoranart der Gattung Phalacrocorax heißt sogar offiziell "Guanokormoran" - ebenfalls beiseite, zumal sowohl Eigenurin als auch Guano weniger für landwirtschaftliche Großproduktion als für Hinterhofrabatten relevant ist (auch wenn Guano - übrigens trotz des Ursprungs ein Kunstdünger - wohl im 19. Jahrhundert eine andere Rolle spielte). Und lassen wir auch dahingestellt, ob sämtliche (veganen) "Kunstdünger" wirklich so viel schädlicher sind als Gülle, wobei die unterschiedlichsten Kunstdünger, also synthetisch hergestellte Dünger, organische wie mineralische, bereits jetzt, ganz ohne antispeziesistischen Hintergrund, massiv in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Ähnlich wird ja auch bezüglich "Leder" pseudoargumentiert, das in Wahrheit, ganz unabhängig von tierrechtsethischen Aspekten, ökologisch um ein vielfaches schädlicher ist als das Material für Schuhe aus Synthetik, von denen ebenfalls nur die wenigsten explizit für Veganer produziert werden. Natürlich ist es entgegen der Leute mit Gülle im Kopf sehr wohl problemlos möglich, ohne Jauche um sich zu schütten, und auch ohne Hornspäne und Knochen- oder Blutmehl (die zwar nicht aus ethischen Gründen, sondern wegen BSE zumindest hierzulande mittlerweile obsolet sind), mehr als ausreichende Ernteerträge zu erzielen. Neben dem bereits beginnenden Wiederauferstehen etwa von Fruchtwechsel, Brache (schließlich wird in einer veganen Gesellschaft nur ein Bruchteil des Ackerland benötigt, da der um ein vielfaches höhere Anbau von "Futter"-Soja, -Mais, -Getreide usw. entfällt), Gründüngung (also Aussaat und Unterbringung von noch grünen Pflanzen, um den Boden mit Humus und Pflanzennährstoffen, insbesondere Stickstoff, anzureichern.) Pflanzenjauche (z.B. aus Brennesseln), Algensaft usw. spielen hier auch neuere wissenschaftliche Entwicklungen eine wesentliche Rolle. Der Wissenschaft sei dank geht es inzwischen vielfach gar ganz ohne Dünger: Bradyrhizobium japonicum ist ein Bakterium, mit dem sich das Chlorophyll gierig den Stickstoff aus der Luft holt. Ein Bakterium, das wächst und wächst. In Verbindung mit Soja können so dieselben Erträge wie bisher erzielt werden – ohne ein Gramm Dünger zu benutzen. Mittlerweile wird versucht, den Wachstumsbeschleuniger von Soja, der bereits jetzt in Brasilien jährlich Dünger im Wert von 2,5 Milliarden Dollar ersetzt, auf die Reis- und Zuckerrohrplantagen zu übertragen (siehe "Der Ernährer der Welt"). Wenn es um Mist und Veganismus geht, kommt fast unausweichlich auch das Thema Champignons auf. Wiesenchampignons wachsen heute wohl überwiegend durch Kuhfladen auf Weiden, morgen werden sie wieder eher dank Dung von Bambis unausgebeuteten und ihres Lebens sicheren Enkeln gedeihen: ohne Jagd und somit ohne Jagddruck werden die von Jägern zum "Rotwild" degradierten Tiere wieder ihren ursprünglichen Lebensraum besetzen und den Wald verlassen; was als Nebeneffekt die ach so schrecklichen "Verbißschäden" an Bäumen, die den Ballermännern gern als Rechtfertigung für ihre Mordlust dienen, signifikant reduzieren dürfte. Zuchtchampignons dagegen können bereits seit einiger Zeit, auf Strohballen statt Hühnerkot und Pferdemist kultiviert werden. Auch wenn heute noch (fast) alles, was den Bauern zum Thema Düngung einfällt, Mist ist - in Zukunft wird alles anders sein. Vegan.
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